Drei Angriffe, ein Muster
Sexuelle Freiheit als Prüfstein für Demokratien
Autoritäre und totalitäre Systeme unterscheiden sich in Geschichte, Ideologie und Stil. In einem Punkt aber ähneln sie sich frappierend: Sie hassen Freiheit. Und sie bekämpfen Vielfalt.
Wo Demokratien erodieren, wo Rechte abgebaut werden, da geschieht das selten zufällig oder vereinzelt. Der Umbau folgt einem Muster: Mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit geraten drei Bereiche unter Druck: die Unabhängigkeit der Justiz, die Freiheit der Medien – und die sexuelle Selbstbestimmung.1,2
Das gilt historisch wie aktuell. In Polen begann der autoritäre Umbau mit Angriffen auf Gerichte und kritische Medien; bald folgten massive Einschränkungen reproduktiver Rechte und eine staatlich beförderte Queerfeindlichkeit.3,4 In Ungarn wurde sexuelle Vielfalt offiziell als „Bedrohung für die Nation“ markiert.5 In den USA wurden seit dem erneuten Machtgewinn der Republikanischen Partei Bücher mit Begriffen wie Diversity, Gender oder Sexualität aus Bibliotheken entfernt, Lehrpläne bereinigt und wissenschaftliche Einrichtungen angewiesen, entsprechende Inhalte von Websites und Datenbanken zu löschen – eine digitale Bücherverbrennung im Namen ideologischer Reinheit.6,7,8
Auch in Deutschland mehren sich die Signale: Angriffe auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Kampagnen gegen designierte Richterinnen, Debatten über genderinklusive Sprache, Streichungen und Sperren von Fördermitteln für queere Projekte, offene Hetze gegen trans, inter und nicht-binäre Menschen. In der Auseinandersetzung um Sexarbeit zeigt sich derselbe Zugriff auf Körper und Selbstbestimmung: Das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) ist seit seiner Einführung 2017 umstritten; zugleich werden immer wieder schärfere Eingriffe bis hin zu Verboten gefordert.9,10
Das ist kein Zufall.
Repressive Systeme benötigen Homogenität. Sie stützen sich auf Selbstähnlichkeit: klare Rollen, eindeutige Körper, eindeutige Familienmodelle, eindeutiges Begehren. Alles, was diese Eindeutigkeit infrage stellt, erzeugt Unsicherheit – und damit Kontrollverlust. Vielfalt ist für autoritäres Denken keine Bereicherung, sondern eine Bedrohung.11
Dass Vielfalt schwerer zu beherrschen ist, lässt sich empirisch zeigen. Biologisch erhöhen diverse Genpools die Widerstandsfähigkeit von Populationen. Zahlreiche Studien zeigen, dass heterogen zusammengesetzte Gruppen komplexe Probleme besser lösen. Wirtschaftlich schneiden gemischte Teams oft innovativer und robuster ab als homogene. Vielfalt zwingt dazu, Widersprüche auszuhalten. Sie verlangsamt reflexhafte Entscheidungen. Sie untergräbt einfache Feindbilder.12,13
Doch das ist nicht der entscheidende Punkt.
Sexuelle Freiheit, geschlechtliche Selbstbestimmung und queere Lebensweisen müssen nicht verteidigt werden, weil sie „nützlich“, also produktiv, innovativ oder gesundheitsfördernd sind. Sie müssen verteidigt werden, weil Menschenwürde ein Wert jenseits der Nützlichkeit ist. Weil das Recht, über den eigenen Körper, das eigene Begehren und die eigene Lebensweise zu entscheiden, kein verhandelbares Privileg ist, sondern ein fundamentales Menschenrecht.14,15
Wer sexuelle Freiheit angreift, greift immer mehr an als nur die Sexualität. Er greift Autonomie an. Pluralität. Die Möglichkeit, verschieden zu leben, zu lieben und zu sein.
Darum sind Angriffe auf queere Menschen, auf reproduktive Rechte oder auf Sexarbeit keine Randphänomene. Sie sind Kernkonflikte liberaler Demokratien. Sie markieren Kipppunkte – wie auch die Attacken auf die Unabhängigkeit der Justiz oder die Freiheit der Medien. An ihnen entscheidet sich, ob Gesellschaften Unterschiedlichkeit begrüßen oder zumindest aushalten – oder ob sie Vereinheitlichung erzwingen.
Wer sexuelle Selbstbestimmung verteidigt, verteidigt nicht ein Spezialinteresse. Er verteidigt den Kern einer offenen Gesellschaft.
Literaturverzeichnis
- Bundeszentrale für politische Bildung. Autoritarismus und Demokratieabbau. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung; o. J.
- Levitsky S, Ziblatt D. How Democracies Die. New York: Crown; 2018.
- Human Rights Watch. Poland: Abortion Ruling Harms Women. New York: Human Rights Watch; 2020.
- European Court of Human Rights. A.R. v. Poland. Judgment of the Court; 2023.
- Human Rights Watch. Hungary: Anti-LGBT Law Undermines Rights. New York: Human Rights Watch; 2021.
- PEN America. Banned in the USA: Beyond the Shelves. New York: PEN America; 2024.
- PEN America. Index of School Book Bans: 2023–2024. New York: PEN America; 2025.
- American Library Association. State of America’s Libraries 2024. Chicago: American Library Association; 2024.
- Solwodi. Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes. Freiburg im Breisgau: SOLWODI; o. J.
- Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen. Evaluation of the Prostitute Protection Act (ProstSchG). Hannover: KFN; 2025.
- Arendt H. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München: Piper; 1955.
- Page SE. The Difference: How the Power of Diversity Creates Better Groups, Firms, Schools, and Societies. Princeton: Princeton University Press; 2007.
- Phillips KW, Thomas-Hunt M. The dynamics of diversity in organizations: some theoretical and behavioral implications. In: Hanna N, editor. Diversity in Organizations. New York: Wiley; 1999.
- medico international. Autoritäre Versuchungen – Körper, Kontrolle und Politik. Frankfurt am Main: medico international; 2022.
- Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights. Sexual and reproductive health and rights are human rights. Geneva: OHCHR; o. J.
- Die Zeit. Julia Klöckner und Prostitution in Deutschland. Berlin: Zeit Online; 2025.
- Die Zeit. CDU/CSU-Forderung nach Sexkaufverbot. Berlin: Zeit Online; 2026.