GSSG | Gemeinnützige Stiftung Sexualität und Gesundheit

Sexuelle Freiheit ist kein Luxus. Sie ist ein Menschenrecht.

Von Harriet Langanke | 21. September 2026

Im September 2026 erreichen uns fürchterliche Nachrichten aus der Türkei. Razzien in Bars, bei denen schwule Männer verhaftet werden. Für ihr Schwulsein. Staatliche Propaganda, die queeren Menschen Angst macht. Die türkische Regierung setzt auf Repression und geht einen weiteren Schritt in Richtung Totalitarismus.

Wer Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität ausgrenzt, diskriminiert oder kriminalisiert, verletzt Menschenrechte. Darüber besteht international weitgehend Einigkeit. Weniger beachtet wird jedoch eine zweite Konsequenz: Repression schadet nicht nur den Betroffenen. Sie gefährdet auch die sexuelle Gesundheit und letztlich die Demokratie selbst.

Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der HIV- und STI-Prävention zeigen seit Jahrzehnten, dass Stigma, Diskriminierung und Kriminalisierung den Zugang zu Aufklärung, Beratung, Tests und medizinischer Versorgung erschweren. Die Vereinten Nationalen weisen regelmäßig darauf hin, dass Ausgrenzung und strafrechtliche Verfolgung das Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen erhöhen, weil Menschen Angebote der Prävention und Versorgung aus Angst meiden.

Sexuelle Gesundheit entsteht nicht durch Kontrolle. Sie entsteht durch Wissen, Vertrauen und Handlungsmöglichkeiten.

 

GSSG web sitesi için hazırlanan, Türkiye'de 2026 sonbaharında uygulanacak kısıtlamalarla ilgili blog yazısı.

Illustration von Leo AI (Nach einem Prompt zu klassischen Gemälden der Aufklärung)

 

Wo Menschen befürchten müssen, wegen ihrer Identität, ihrer Liebe oder ihrer Sexualität verurteilt zu werden, entstehen Heimlichkeiten. Heimlichkeiten begünstigen wiederum Schutzlosigkeit. Wer Angst vor Stigmatisierung hat, lässt sich seltener testen, sucht später Hilfe und spricht weniger offen über Risiken. Das schadet dem Einzelnen und der gesamten Gesellschaft.

Genau deshalb ist der Umgang mit Minderheiten ein Gradmesser für die Qualität einer Gesellschaft. Die GSSG weist seit Jahren darauf hin, dass sexuelle Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe untrennbar miteinander verbunden sind. Wo Ausgrenzung gefördert oder geduldet wird, leidet auch die Gesundheit.

Die Aufgabe von Staat und Gesellschaft besteht nicht darin, ein bestimmtes Lebensmodell vorzuschreiben. Ihre Aufgabe besteht darin, Menschen zu ermöglichen, ihre Sexualität einvernehmlich, informiert und sicher zu gestalten. Für manche bedeutet das die klassische Ehe mit Familie und traditionellen Rollen. Für andere bedeutet es andere Formen von Partnerschaft, Identität oder Lebensgestaltung. Das alles darf gleichwertig sein. Es muss vor allem aber auch möglich und sicher sein.

Traditionen dürfen gepflegt werden. Sie dürfen aber nicht zur Begründung von Unterdrückung werden.

Besonders alarmierend ist, dass Angriffe auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt häufig Teil einer breiteren Entwicklung sind. Internationale Menschenrechtsorganisationen dokumentieren immer wieder, dass autoritäre und demokratiefeindliche Bewegungen sexuelle Minderheiten zu Sündenböcken machen, Bürgerrechte einschränken und gesellschaftliche Vielfalt als Bedrohung darstellen.

Die Geschichte liefert dafür bedrückende Beispiele. Die Verfolgung homosexueller Menschen im nationalsozialistischen Deutschland war kein Randphänomen. Sie war Teil einer Ideologie, die Vielfalt vernichten und menschliches Leben normieren wollte. Unterdrückung sexueller Freiheit ist deshalb oft mehr als ein Angriff auf einzelne Gruppen. Sie ist ein Warnsignal für die Verfassung einer Gesellschaft insgesamt.

Wer Vielfalt bekämpft, sollte sich fragen lassen, wohin dieser Weg führt. Eine freie Gesellschaft muss nicht jede Lebensweise übernehmen. Aber sie muss Unterschiede aushalten können. Demokratie bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Demokratie bedeutet Freiheit für Vielfalt.

Die entscheidende moralische Leitlinie ist deshalb einfach:

Menschen sollen ihre Identität, ihre Liebe und ihre Sexualität in Freiheit und Sicherheit gestalten können. Ohne Angst. Ohne Diskriminierung. Ohne staatliche Repression. Dafür müssen Staat und Gesellschaft sorgen. Nicht für Unterdrückung. Nicht für Kriminalisierung. Nicht für Ausgrenzung.

Denn sexuelle Freiheit ist kein Sonderrecht. Sie ist ein Menschenrecht. Und eine Voraussetzung für Gesundheit, Würde und Demokratie.

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